Informationen für Eltern

Informationen für Eltern

Frühcheneltern stürzen meist ziemlich unvorbereitet in ihre neue Rolle. Da gibt es plötzlich viel zu früh einen neuen Menschen in ihrer Mitte, der oftmals noch mit unzähligen gesundheitlichen Problemen und Anpassungsschwierigkeiten zu kämpfen hat.

Statt kuscheliger, unbeschwerter Stunden des ersten Kennenlernens, die das Familienglück komplett machen sollen, findet man sich in einem für frischgebackene Eltern alptraumartigen Szenario aus Hygienevorschriften, Kabelgewirr, Maschinen und - manchmal - begrenzten Besuchszeiten wieder.

Diese emotionale Ausnahmesituation kann zur Belastungsprobe für die ganze Familie werden.

Belastungen treten für Eltern in vielen Bereichen auf:

  • Zustand des Kindes: sein Gesundheitszustand, Angst um sein Überleben und seine Zukunft, das zum Teil befremdliche Aussehen und Verhalten insbesondere von extrem frühgeborenen Kindern ...
  • Elternrolle: die Trennung vom eigenen Kind, die Abgabe der Verantwortung an Pflegende und ÄrztInnen ...
  • Bedingungen der Neugeborenenintensivstation: Geräte und Technik, Kommunikationsprobleme mit Schwestern und ÄrztInnen, medizinische Prozeduren, Regeln und Abläufe, Zustand und Anblick anderer Kinder ...
  • Organisatorische Probleme, die Belastung der Geschwisterkinder, die für Familie und Bekannte schwer nachvollziehbare Situation, zusätzliche persönliche Belastungen ...

Die Situation der Mutter

Nicht selten fehlt Müttern nach dem plötzlichen Ende ihrer Schwangerschaft zunächst der Bezug zu ihrem Kind, das möglicherweise nichts mit einem rosigen pausbäckigen Neugeborenen nach 40 Schwangerschaftswochen gemeinsam hat. Hinzu kommen Berührungsängste mit dem kleinen zarten Wesen, das viel zerbrechlicher aussieht, als es ist. Insbesondere Mütter kämpfen immer wieder mit Schuldgefühlen und trauern um die entgangenen Wochen und Monaten ihrer Schwangerschaft, die nicht gekauften Umstandskleider, den nicht besuchten Geburtsvorbereitungskurs, die nicht erlebte natürliche Geburt.

Die Situation des Vaters

Väter erleben die Schwangerschaft oft mehr als außenstehende Beobachter, die unter Umständen im Vorfeld hilflos zusehen müssen, wie sich nicht nur der Gesundheitszustand des Kindes, sondern auch der der Partnerin und Mutter so dramatisch verschlechtert, dass die vorzeitige Beendigung der Schwangerschaft aus medizinischer Sicht zwingend geboten ist. Sie versuchen, das Erlebte möglichst rational zu bewältigen, setzen sich mit praktischen Dingen auseinander und bemühen sich, in ihrem Beruf auch weiterhin erwartungsgemäß zu funktionieren.

Was Sie jetzt für Ihr Kind tun können

Als Eltern sind Sie gerade in dieser Situation ganz wichtig für Ihr Kind, denn die Stimmen von Mutter und Vater sind das einzig Vertraute für ihr Kind in dieser ungewohnten und belastenden Situation. Diese kennt es bereits aus der Zeit vor seiner zu frühen Geburt, als die Welt noch in Ordnung war. Versuchen Sie möglichst viel Zeit bei Ihrem Kind zu verbringen. Sie können ihm etwas erzählen, vorlesen oder auch ein Lied vorsingen.

Muttermilch & Stillen

Muttermilch ist nachgewiesenermaßen das Beste für Ihr Baby. Das gilt auch für Frühgeborene. Die Muttermilch passt sich den besonderen Bedürfnissen Ihres zu früh geborenen Kindes an. Dieses braucht jetzt für ein gesundes Wachstum insbesondere Stoffe, die sein Abwehrsystem stärken, damit es gesund bleibt. Genau diese Stoffe befinden sich in der Muttermilch. Sie ist gut bekömmlich und leicht verdaulich. Um den Milchfluss anzuregen ist es am besten, möglichst früh mit dem Abpumpen der Muttermilch zu beginnen. Das bedeutet im besten Fall bereits wenige Stunden nach der Geburt, auch wenn das anfangs anstrengend und belastend ist. Gerade die sogenannte Vormilch (Kolostrum) enthält besonders viele wertvolle Inhaltsstoffe, die das Baby vor Infektionen schützen.

Lassen Sie sich nicht davon entmutigen, wenn die Milchmengen anfangs nur gering sind. Das ist normal und lässt sich durch häufige Pumpvorgänge schnell steigern. Insbesondere regelmäßiges Abpumpen innerhalb der ersten zwei Wochen nach der Geburt sind wichtig, um den Milchfluss optimal anzuregen. Fragen Sie in der Frauenklinik oder auf der neonatologischen Station nach Unterstützung durch eine Still- und Laktationsberaterin. Diese sollte sich mit den Besonderheiten des Stillens von Frühgeborenen auskennen, denn selbst wenn Ihr Kind anfangs noch zu schwach ist, um ausreichende Mengen von der Brust zu trinken, so kann das Stillen mit zunehmender Reife des Kindes durchaus noch gelingen. Insbesondere bei sehr kleinen Frühgeborenen ist der Darm anfangs häufig noch nicht auf das Verdauen von Milch vorbereitet. Daher werden diese Kinder zunächst mit kleinen Mengen an Tee, Wasser und einer Zuckerlösung versorgt. Doch schon bald können auch sie mit der wertvollen Muttermilch versorgt werden. Diese wird anfangs bei sehr kleinen Patienten möglicherweise noch pasteurisiert, um die Allerkleinsten vor für reifere Kinder bereits unbedenklichen Keimen zu schützen. Über Besonderheiten zum Transport und zur Aufbewahrung der Muttermilch wird Sie das neonatologische Team in der Kinderklinik umfassend informieren. Studien haben gezeigt, dass mit Muttermilch versorgte Frühgeborene durchschnittlich zwei Wochen früher aus der Kinderklinik entlassen werden können, als Kinder, die mit anderer Nahrung versorgt wurden.

Ausführliche Informationen zum Thema Stillen finden Sie in unseren Informationsbroschüren.

Känguruhen

Körperkontakt und Nähe sind grundlegende Bedürfnisse eines neugeborenen Kindes. Gerade Frühgeborenen fehlt zunächst dieses Gefühl von Geborgenheit und Vertrauen. Das sogenannte Känguruhen ist die ideale Möglichkeit für Eltern und Kind, sich nahe zu sein. Das Kind wird dabei für mehrere Stunden nur mit einer Windel auf die nackte Brust von Mutter oder Vater gelegt, wo es den Hautkontakt genießen und den ihm aus dem Mutterleib vertrauten Herzschlag hören kann. Zudem fördert das Känguruhen die wichtige emotionale Bindungsentwicklung zwischen Eltern und Kind.

Die Idee des Känguruhens stammt aus Kolumbien. Dort legte man den Eltern ihre zu früh geborenen Kinder notgedrungen auf die nackte Haut, damit sie von deren Körperwärme profitieren können, da es nicht genug Inkubatoren gab. Dabei stellte sich heraus, dass diese Methode einen durchweg positiven Einfluss auf die weitere Entwicklung der Kinder hatte. Häufiges Känguruhen führt nachweislich dazu, dass die Kinder erholsamer schlafen, stabiler atmen und weniger Anzeichen von Stress zeigen. Mittlerweile wird weltweit auf Frühgeborenen-Stationen gekänguruht. Auch sehr kleine Babys, die noch beatmet werden müssen, profitieren von der Kuschelzeit mit den Eltern. Oftmals lässt sich ihr Sauerstoffbedarf während des Känguruhens reduzieren. Während des Känguruhens bietet sich zudem die Möglichkeit von ersten Stillversuchen an der Brust der Mutter. Ausführlichere Informationen zum Thema Känguruhen finden Sie in unserer Broschüre Zu früh geboren.

Halt geben

Insbesondere sehr kleine Frühgeborene empfinden Streichelbewegungen anfangs oftmals eher als unangenehm. Ihre Sinnesorgane sind noch nicht empfänglich für solche Hautreize. Normalerweise wären sie ja noch im Bauch der Mutter, wo Ihnen allein die räumliche Begrenzung Halt bietet. Sicherer fühlen sie sich daher, wenn Mutter oder Vater die Hand um den Kopf, auf den Rücken und um die Fußsohlen legen, denn das schafft ein vertrautes Gefühl der Umgrenzung, welches sie aus der Zeit im Mutterbauch bereits kennen.

Auch mal an sich denken

Möglicherweise können Sie manchmal nicht so oft oder so lang bei Ihrem Kind sein, wie Sie das vielleicht möchten. Insbesondere auf Stationen ohne Beschränkungen der Besuchszeit haben Eltern oft das Gefühl, rund um die Uhr anwesend sein zu müssen, wenn Sie gute Eltern sein wollen. Das kann auf Dauer sehr anstrengend und Kräfte zehrend sein. Die Anfangsphase nach der zu frühen Geburt ist nicht nur für Ihr Kind sondern auch für Sie sehr belastend. Daher sind Phasen, in denen Sie sich Ruhe und Erholung gönnen sollten, ganz wichtig. In der Folgezeit nach der Entlassung aus der Klinik brauchen Sie genügend Reserven, um den gemeinsamen Start ins Familienleben zu Hause bewältigen zu können. Erfahrungen haben gezeigt, dass es weniger darauf ankommt, wie lange Sie bei ihrem Kind sind, sondern wie Sie diese Zeit gestalten. Ihr Kind wird anfangs noch sehr viel schlafen. Versuchen Sie diese Zeit zu nutzen, um selbst wieder emotional und körperlich zu Kräften zu kommen. Gemeinsam verbrachte Zeit, die entspannt und ausgeruht erlebt wird, wirkt sich sowohl für Ihr Kind als auch für Sie am förderlichsten aus.

Umgang mit Geschwisterkindern

Für ältere Geschwisterkinder bedeutet die Geburt eines Bruders oder einer Schwester immer eine große Veränderung. Plötzlich gibt es da noch jemanden, mit dem sie sich die Eltern teilen müssen und der ganz viel Zeit in Anspruch nimmt. Wenn es sich bei dem neuen Familienmitglied zudem um ein Frühgeborenes handelt, das anfangs intensivmedizinisch behandelt werden muss, dann fühlen sich Geschwisterkinder schnell zurückgesetzt. Die Eltern werden situationsbedingt nun sehr viel Zeit in der Klinik verbringen.

Nicht auf allen neonatologischen Stationen ist der uneingeschränkte Besuch von älteren Geschwistern möglich. Daher müssen Eltern in dieser Situation besonders darauf achten, dass ihre "Großen" nicht zu kurz kommen. Vor allem kleinere Kinder tun sich schwer damit, die Situation zu begreifen und zu verarbeiten, wenn sie das neue Geschwisterchen anfangs nicht gleich besuchen dürfen. Fotos können dazu beitragen, dass zu dem unbekannten Wesen in der Klinik ein Bezug entsteht. Kleine Kinder orientieren sich noch sehr stark an der Stimmungslage der Eltern, da sie verunsichernde Situationen nur unzureichend erfassen können. Aufgrund dessen ist es wichtig, den Geschwisterkindern die neue Situation zu erklären und sie mit einzubeziehen. Im besten Fall dürfen sie den neuen Bruder oder die neue Schwester mit den Eltern in der Klinik besuchen und dort auch mit ihm/ihr känguruhen.

Gut zu wissen

Emotionale Ausnahmesituation

Auf extreme Krisensituationen reagiert jeder Mensch unterschiedlich. Das kann insbesondere zwischen Eltern immer wieder zu Irritationen und gegenseitigem Unverständnis führen.

Das kann weiterhelfen

  • Austausch mit andere Betroffenen (Elternselbsthilfegruppen, Gesprächskreis, Elternberatung auf der Station)
  • Ein Anruf bei unserer Eltern-Hotline
  • Unsere Informationsbroschüren
  • Entlastungsangebote (einkaufen, kochen, putzen, Wäsche waschen, den Hund ausführen, die Geschwister betreuen) von Familie, Nachbarn, Freunden wahrnehmen, die gerne helfen wollen.

Das muss organisiert werden

Auch wenn Sie jetzt sicher andere Dinge im Kopf haben, so gibt es doch einige Formalitäten, die möglichst umgehend erledigt werden müssen.

Anmeldung des Neugeborenen beim Standesamt

Die Anmeldung des Kindes beim Standesamt des Geburtsortes muss innerhalb von fünf Werktagen erfolgen. Manche Kliniken übernehmen diese Anmeldung und organisieren den Versand der Geburtsurkunde. In anderen Kliniken müssen die Eltern selbst aktiv werden. Kostenfreie Geburtsbescheinigungen erhalten Sie für die Beantragung von Kinder- und Elterngeld, für die Anmeldung bei der Krankenkasse und für religiöse Zwecke (Taufe).

Vaterschaftsanerkennung

Wenn Frühcheneltern unverheiratet sind, dann bedarf es der Anerkennung des Kindes durch den Vater. Diese erfolgt beim Standes- oder Jugendamt des Wohnortes. Diese Anerkennungserklärung ist Voraussetzung für die Aufnahme des Vaters in die Geburtsurkunde des Kindes. Auch die Frage des Sorgerechtes ist bereits am Anfang festzulegen. Dieses steht ledigen Müttern grundsätzlich alleine zu. Die gemeinsame Sorgerechtserklärung setzt eine Zustimmung der Mutter voraus.

Alleinerziehende

haben die Möglichkeit beim Jugendamt eine sog. "Beistandschaft" zu beantragen. Die Beistandschaft ist eine freiwillige Jugendhilfeleistung. Sie kommt auf formlosen Antrag zustande.

Anmeldung bei der Krankenkasse

Für die Anmeldung des Kindes bei der gesetzlichen Krankenkasse reicht in der Regel zunächst ein Anruf. Der Antrag für eine Familienversicherung wird Ihnen dann nach Hause geschickt. Wenn Sie überlegen für Ihr Kind eine private (Zusatz-) Krankenversicherung abzuschließen, dann ist Eile geboten, denn für den Abschluss einer privaten Versicherung ist bereits nach wenigen Wochen eine Gesundheitsprüfung Voraussetzung.

Information des Arbeitgebers der Mutter

Zunächst reicht eine telefonische Information. Beachten Sie, dass sich die Mutterschutzfrist nach einer zu frühen Geburt von normalerweise acht Wochen nach Geburt um zusätzliche vier Wochen (bei Frühgeborenen und Mehrlingen) auf insgesamt zwölf Wochen verlängert. Außerdem kommen noch die Wochen hinzu, die aufgrund der zu frühen Geburt von der geplanten vorgeburtlichen Mutterschutzfrist nicht in Anspruch genommen werden konnten. Achtung: Der Elterngeldanspruch entsteht bereits ab Geburt des Kindes und wird mit dem Mutterschaftsgeld verrechnet. Eine Doppelauszahlung erfolgt nicht!