Gemeinsam gegen Corona

Erfahrungsgemäß ist vor allem die Anfangszeit mit einem vorzeitig geborenen Kind schon aufregend genug. Zu den bereits vorhandenen Unsicherheiten, Ängsten und Sorgen kommen nun aktuell aufgrund der Corona-Pandemie zusätzlich verunsichernde und belastende Zeiten auf uns alle zu. Im Folgenden finden Sie weiterführende Informationen und Kontakte, die weiterhelfen können.

Allen frisch gebackenen Frühchen-Familien, die sich zurzeit mit Einschränkungen auf den neonatologischen Stationen konfrontiert sehen, wünschen wir ganz viel Kraft und Zuversicht. Gleiches gilt für alle Familien in häuslicher Isolation. 

Unsere Gedanken gelten zudem allen Teams auf den Stationen, die sich nicht einfach ins Home-Office verabschieden können. Danke, dass Ihr gerade in dieser angespannten und hoch belasteten Zeit täglich aufs Neue für uns und unsere Kinder im Einsatz seid und Euer Bestes gebt!

Eine Impfung gegen das Corona-Virus ist möglich. Einen vollständigen und dauerhaften Schutz bieten die bisherigen Impfstoffe nicht. Sie sorgen allerdings dafür, dass der Verlauf im Fall des Erkrankens abgemildert wird. Überträger der Virusinfektion können daher auch geimpfte Personen sein. Deshalb sind strenge Schutzmaßnahmen im Umgang mit Frühgeborenen auch für zweimal geimpfte und geboosterte Personen weiterhin unerlässlich.

Was wir wissen

  • Vorgeburtliche Virus-Übertragung von infizierten Schwangeren auf das Ungeborene ist generell möglich. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass eine Übertragung von SARS-CoV-2 von einer infizierten Mutter auf das ungeborene Kind möglich ist. Die Übertragung einer mütterlichen SARS-CoV-2-Infektion auf das Neugeborene scheint allerdings insgesamt ein seltenes Ereignis zu sein und löst beim Neugeborenen auch nur in seltenen Fällen Symptome aus.
  • Erhöhtes Frühgeburtsrisiko. In fast allen Studien wird ein signifikant häufigeres Auftreten von Präeklampsie und Frühgeburtlichkeit (insbesondere im 3. Trimenon) bei infizierten im Vergleich zu nicht-infizierten Schwangeren berichtet. Dabei liegen der vermehrt beobachteten Frühgeburtlichkeit wahrscheinlich medizinische Indikationen zugrunde. Das kindliche Outcome unterscheidet sich bei infizierten und nicht-infizierten Schwangeren nicht wesentlich. Allerdings wurde für Neugeborene von Frauen mit COVID-19 ein höheres Risiko ermittelt, nach der Geburt auf einer neonatologischen Intensivstation betreut zu werden, insbesondere bei einem schweren Erkrankungsverlauf der Mutter. Die häufigere Aufnahme auf eine neonatologische Station ist wahrscheinlich durch die höhere Frühgeburtsrate bedingt. Das Risiko für Aborte und die neonatale Mortalität sind nicht erhöht.
  • Das Virus lässt sich bei COVID-19 positiven Müttern vereinzelt in Muttermilch nachweisen. In Muttermilch gelang in einigen Fällen der Nachweis von Virus RNA, eine erfolgreiche Virusanzucht ist jedoch bislang nicht beschrieben. Übereinstimmend mit der WHO sprechen sich auch die deutschen Fachgesellschaften für das Stillen auch bei an COVID-19 infizierten Müttern unter Einhaltung adäquater Hygienemaßnahmen aus.
  • Tests bieten keine 100 % Sicherheit. Auch wenn der gängige PCR-Test auf das neuartige Coronavirus als relativ zuverlässig gilt, so ist nicht auszuschließen, dass auch Menschen mit negativem Testergebnis andere Personen anstecken können – etwa dann, wenn der Test zu früh nach einer Infektion erfolgt und die Viruslast im Körper dadurch noch zu gering ist, als dass sie das Labor nachweisen könnte. Bei starken Verdachtsfällen, bspw. wenn ein Familienmitglied im Haushalt nachweislich infiziert ist, sollte der Test trotz eines negativen Erstergebnisses nach einigen Tagen wiederholt werden. 
  • Ansteckung besteht bereits vor auftretenden Symptomen. Prinzipiell können Infizierte andere Menschen bereits während der Inkubationszeit anstecken, sprich: bevor sie selbst Krankheitszeichen entwickeln.

Was wir nicht sicher wissen

  • Keine stichhaltigen Infos zum Krankheitsverlauf bei Frühgeborenen. Daten aus China sprechen dafür, dass der Krankheitsverlauf selbst bei neugeborenen Kindern vergleichsweise mild ist. Allerdings lassen diese Zahlen keinen Rückschluss auf den Verlauf bei besonders unreifen Frühgeborenen zu. Es liegt aber auf der Hand, dass der Start ins Leben für ein beatmetes extrem unreifes Frühgeborenes mit COVID-19 nicht einfacher wird. Deswegen ist bei diesen Patienten besondere Vorsicht geboten. 
  • Keine sicheren, global einheitlich erhobenen Daten. Wir können unsere mittlerweile für Deutschland erhobenen Zahlen nicht mit denen aus anderen Ländern vergleichen, denn die Länder agieren uneinheitlich, was die Testung ihrer Bevölkerung betrifft. Länder, in denen ausschließlich Menschen mit Krankheitssymptomen und Kontakt zu bereits Erkrankten getestet werden, haben vergleichsweise viele dokumentierte positive Fälle. Das lässt aber noch keine verlässlichen Rückschlüsse auf den Grad der Durchseuchung in der gesamten Bevölkerung zu. Derartige Testreihen laufen auch in Deutschland gerade erst an.

Was jetzt wichtig ist

  • Infektionsketten durchbrechen. Es gilt jetzt die Geschwindigkeit einer Verbreitung zu stoppen, denn je rasanter sich das Virus ausbreitet, desto wahrscheinlicher ist es, dass unser Gesundheitssystem der damit verbundenen Vielzahl an schweren Verläufen nicht gewachsen sein wird. Das gelingt nur, wenn wir alle diszipliniert empfohlene Hygiene- und Verhaltensregeln einhalten und gemeinsam dazu beitragen, dass die Situation nicht eskaliert. Aufgrund des Fehlens von gesicherten Erkenntnissen in Bezug auf das Virus und seine Auswirkungen auf Frühgeborene sind viele Frühgeborenenstationen momentan sehr zurückhaltend, was den Zugang der Eltern zu ihren Kindern betrifft. 
  • Infektionsschutz versus Eltern-Kind-Bindung. Der Pflegekräftemangel in deutschen Kliniken wirkt sich auch belastend auf viele neonatologische Stationen aus. Aufgrund dessen bringt die aktuelle Pandemie Kliniken in einen gravierenden Konflikt. Zum einen gilt es das wenig vorhandene Personal auf der NEO vor Ansteckung zu schützen, um die Station überhaupt noch verlässlich betreiben zu können. Zum anderen ist der möglichst unlimitierte Kontakt zwischen Eltern und Neugeborenen ein wesentlicher Baustein für eine gesunde Bindungsentwicklung zwischen Eltern und Kind, mit langfristigen Auswirkungen auf die weitere Beziehungsqualität. 
  • Im Zweifel ist weniger mehr. Das betrifft in erster Linie die Anzahl der Personen, die auf einer neonatologischen Station normalerweise ein und aus gehen. Auch wenn sich die Verbreitung des Virus nicht mit Sicherheit ausschließen lässt, so ist es dennoch notwendig, Risiken zu minimieren. Das beinhaltet die Beschränkung des Personenkreises, der normalerweise Zugang zur Station hat. Das Ärzte- und Pflegeteam muss in einer bestimmten Anzahl vorhanden sein, damit die kleinen Patienten adäquat versorgt werden können. Die Anwesenheit von Angehörigen ist bundesweit zurzeit nicht einheitlich geregelt. Grundsätzlich haben idR momentan nur noch Eltern als unmittelbare Bezugspersonen Zugang zu ihrem Kind auf Station. Vom generellen Besuchsverbot in Kinderkliniken sind Eltern ausdrücklich ausgenommen. 

Empfehlenswerte Maßnahmen

Viele Krankenhäuser in Deutschland sind mit der Behandlung von COVID-19 Patienten befasst. Daher muss darauf geachtet werden, dass es innerhalb der Kliniken nicht zur Verschleppung des Virus kommt. Folgende Maßnahmen und Verhaltensregeln erscheinen momentan auf Grundlage der Empfehlungen des RKI (Robert Koch Institutes) und von Krankenhaushygienikern angemessen.* (Stand 5.5.2020)

  • Jeder ist potenziell infektiös. Infektfreie Eltern sollten so behandelt werden, als ob sie möglicherweise infektiös sind. Denn auch Personen ohne Krankheitssymptome können das Virus bereits übertragen.
  • Mund-Nasen-Schutz. Alle Elternteile sollten bestenfalls bereits vor dem Betreten der Station einen korrekt angelegten Mund-Nasen-Schutz (MNS) tragen, der bis zum Verlassen der Station aufbehalten wird. (Anlegen des MNS nach gründlicher Desinfektion der Hände im Eingangsbereich der Station). Der MNS muss möglichst eng anliegen. Wesentlich ist die Schulung der Eltern, wie genau ein Mund-Nasen-Schutz zu tragen ist, denn davon ist die schützende Wirkung des Mund-Nasen-Schutzes abhängig. 
  • Strenge Hygieneschulung. Es ist wichtig, die Eltern umfassend über Hygienemaßnahmen aufzuklären und entsprechende Maßnahmen kompetent angeleitet einzuüben. 
  • Direkte Wege im Krankenhaus. Ein Aufenthalt im Klinikbereich sollte vermieden werden. Wenn die Eltern zu ihrem Kind auf die Station kommen, sollten die Eltern sich ausschließlich am Patientenbett ihres Kindes bzw. im Patientenzimmer ihres Kindes aufhalten und dann auch die Station und Klinik auf direktem Weg wieder verlassen. 
  • Einhaltung der generellen Hygieneregeln. Da das Kind im Laufe des stationären Aufenthaltes ebenfalls infektiös werden kann, sei es durch eine unbewusste Übertragung von Eltern oder auch von Mitarbeitenden, gilt hier die Einhaltung grundsätzlicher Hygieneregeln, wie sie momentan in allen Krankenhäusern durchgeführt werden sollten. Dies betrifft das konsequente richtige korrekte Tragen des Mund-Nasen-Schutzes sowie die Verwendung von FFP2-Masken bei Tätigkeiten im HNO-Bereich, wie z.B. auch Absaugen, Racheninspektion bei hustenden Kindern. Dies betrifft dann auch alle Patienten auf einer Neugeborenenstation.

* Wir bedanken uns bei Prof. Dr. Matthias Keller, Ärztlicher Direktor der Kinderklinik Dritter Orden in Passau und Sprecher unseres wissenschaftlichen Beirates, für die Empfehlungen von Maßnahmen und Verhaltensregeln auf der Station.  

Was Frühchen-Eltern jetzt tun können

  • Pumpstillen. Muttermilch ist die optimale Nahrung für alle Neugeborenen. Einzigartige Inhaltsstoffe tragen insbesondere zur Stärkung der Immunabwehr und zur gesunden Entwicklung des Frühgeborenen bei. Ein persönlicher Ratgeber zum Pumpstillen bei Frühgeborenen ist unter dem Begriff Pumpstillen zu finden.
  • Stimme aufnehmen. Auch wenn Mama und Papa oft nicht in dem Maß bei ihrem Kind auf der NEO sein können, wie das normalerweise der Fall wäre, so hilft ein kleiner Lautsprecher mit Übertragung, dem Kind die vertraute Stimme auch in Abwesenheit anbieten zu können. Für die Tonaufnahmen der Stimme können Eltern leise singen, aus Büchern vorlesen oder einfach erzählen, wie es ihnen geht. Hilfreiche Informationen dazu sind unter radiomama.de zu finden.
  • Livestream. Mit dem Pflegeteam einen Livestream vereinbaren, sodass sie auch von zu Hause aus nach ihrem Kind schauen können, wenn ein Besuch auf der NEO nicht oder nur eingeschränkt möglich ist. Das lässt sich natürlich noch viel unproblematischer einrichten, wenn ein Elternteil Zugang hat. Achtung: Das benutzte Smartphone muss zuvor gut desinfiziert werden.
  • Austausch über Video-Portale. Mit anderen Eltern zu einem virtuellen Elterntreff verabreden. Bestenfalls kann die Elternberatung auf Station bei der Verbreitung dieses Angebotes behilflich sein. So lassen sich soziale Kontakte aufbauen, die andernfalls aufgrund der Beschränkungen auf der Neonatologischen Station momentan zu kurz kommen. Anmerkung: Es empfehlen sich Videoportal-Anbieter, die DSGVO-konform sind.  
  • Facebook-Gruppe. Es gibt diverse geschlossene Frühchen-Gruppen auf Facebook, in denen sich betroffene Eltern mit anderen austauschen können. Dieses werden überwiegend von Müttern genutzt. Gerne verweisen wir deshalb auch explizit auf eine speziell für Väter eingerichtete Facebook-Gruppe unter www.facebook.com/groups/fruehchenpapas
  • Frühchen-Podcast. Mitunter können Berichte anderer Familien Mut machen. Ein schönes Format ist der Frühchen-Podcast „Welt der kleinen Wunder“ von Eva und Rita, zwei Extremfrühchen-Mamas aus Mannheim. Sie erzählen von ihren Erlebnissen rund um den Frühstart ihrer Kinder. Also einfach mal reinhören. Der Podcast ist unter weltderkleinenwunder.de zu finden. 
  • Hotline anrufen. Unsere Hotline für Betroffene ist unter der Woche an jedem Tag kostenfrei aus Deutschland und Österreich zu erreichen. Erfahrene Frühchen-Mütter können oft direkt weiterhelfen und wertvolle Tipps geben. Die genauen Zeiten der Erreichbarkeit sind hier zu finden.