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Workshop: Sensibilisierung für die Bedürfnisse Frühgeborener und ihrer Eltern

Workshop: Sensibilisierung für die Bedürfnisse Frühgeborener und ihrer Eltern

Workshop „Sensibilisierung für die Bedürfnisse Frühgeborener und ihrer Eltern“

Ein Angebot von Frühstart - Elterninitiative für Früh- und Risikogeborene Hamburg e.V.

Seit April 2013 bietet Frühstart Hamburg einen Workshop an, der sich an das Fachpersonal in Krippen, Kitas und Schulen sowie an alle Fachleute richtet, die mit Frühgeborenen arbeiten. Auch Auszubildende und Studierende in psychosozialen und medizinischen Berufen (Kinderkrankenpflege, Frühförderung, Ergotherapie, Logopädie, Physiotherapie etc.) möchten wir mit dem Workshop einen Einblick in das Thema Frühgeburt vermitteln.

Warum dieser Workshop?

In Deutschland kommen jährlich ca. 60.000 Kinder vor der 37. Schwangerschaftswoche als Frühgeborene zur Welt. Die meisten Frühchen wiegen bei ihrer Geburt weniger als 2500 Gramm. Als untere Grenze der Lebensfähigkeit mit medizinischer Hilfe wird in Deutschland das Erreichen der 24.SSW angesehen. Der zu frühe Start ins Leben hat oft weitreichende Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder und bringt viele gesundheitliche und psychosoziale Probleme mit sich.

Die körperliche Unreife der Frühgeborenen macht häufig einen langen Krankenhausaufenthalt in der hochgradig technisierten Umgebung einer Intensivstation mit vielen Erfahrungen von Schmerz, Getrennt- und Ausgeliefertsein erforderlich. Die Situation der Eltern ist dabei oft von großer Sorge, Trauer, Selbstzweifeln und Hilflosigkeit geprägt. Die Eltern müssen das Trauma der zu frühen, plötzlichen Geburt und des Überlebenskampfes bewältigen und lernen, unter erschwerten Bedingungen mit ihrem oft sehr unreifen und kranken Kind eine Bindung aufzubauen und es zu versorgen. Außerdem haben Mütter oft selber noch mit den körperlichen Strapazen z.B. einer Schwangerschaftsvergiftung und/oder eines Kaiserschnittes zu kämpfen. Diese Umstände stellen hohe Anforderungen an die Entwicklung einer stabilen, emotional positiven Eltern-Kind-Beziehung mit Auswirkungen auf die weitere gesundheitliche und psychosoziale Entwicklung des Frühgeborenen.  

In den letzten Jahren sind viele Institutionen gegründet worden, die sich mit der Betreuung und Förderung von Frühgeborenen und ihren Eltern befassen:

  • Nachsorge-Einrichtungen, die den Übergang von der Klinik nach Hause ambulant begleiten
  • Nachsorgeambulanzen an den Geburtskliniken, die die weitere psychosoziale und gesundheitliche Entwicklung des Kindes kontrollieren
  • Frühfördereinrichtungen, die das Kind und seine Eltern in der weiteren Entwicklung unterstützen.

Dieses soziale Netz trägt die Familie durch die ersten Lebensjahre des Kindes.

Nach dieser Zeit stellen die Übergänge in die Kita und später in die Schule eine weitere Herausforderung für die Frühgeborenen und ihre Eltern dar:

Mögliche Entwicklungsverzögerungen, eine erhöhte Reizoffenheit verbunden mit erhöhter Stressanfälligkeit, Konzentrationsproblemen und Trennungsängsten können zu „Stolpersteinen“ bei der sozialen Integration und beim Lernen werden. Es können Situationen entstehen, in denen sich Erzieher/innen und Lehrer/innen überfordert und Eltern nicht genügend mit ihren Problemen wahrgenommen fühlen.

Durch die steigende Anzahl von Frühgeburten müssen sich Kindergärten, Kitas und Schulen immer häufiger mit den Frühgeborenen und ihren Problemen auseinandersetzen. Auch die Inklusionsbestrebungen stellen eine große Herausforderung für das dortige Fachpersonal dar, weil viele Frühchen einen erhöhten Förderbedarf haben.

Angesichts der elterlichen Erfahrungen im Zusammenhang mit der zu frühen Geburt ihres Kindes wird verständlich, dass Eltern sich viele Gedanken über die Betreuung in einer Kita oder später in der Schule machen. Sie stellen sich Fragen wie z.B.:

  • Ist mein Kind altersgemäß entwickelt?
  • Wann ist der richtige Zeitpunkt für den Übergang in eine Kita?
  • Wie wird unser Kind die Trennung von uns Eltern erleben und bewältigen?
  • Kann die Kita/Schule unser Kind angemessen fördern und seine Besonderheiten genügend berücksichtigen?
  • Wann ist mein Kind schulreif?
  • Welche Kita/Schule ist die Richtige für mein Kind?

Von der Idee zum Projekt

Auf einem vom Bundesverband „Das frühgeborene Kind“ e.V. und der Elterninitiative Frühstart Hamburg am 29.10.2011  veranstalteten Fachtag  „Frühgeborene und Kindergarten“ für Erzieher/innen, Lehrer/innen und Therapeuten aus der Frühförderung wurde deutlich, dass diese Berufsgruppen in der Regel wenig darüber wissen, was eine Frühgeburt konkret für das Kind und seine Eltern bedeutet. Schilderungen von betroffenen Eltern und Neonatologen vom Kampf ums Überleben in den ersten Lebenswochen, den medizinische Problemen und den vielen schmerzhaften Behandlungsprozeduren während des oft langen Klinikaufenthaltes sowie den elterlichen Gefühlen und Erlebnissen lösten bei vielen Teilnehmern eine tiefe Betroffenheit aus, die den Weg zu einem von Empathie und Wertschätzung getragenen besseren Verständnis ebnete und zum Überdenken des eigenen professionellen Handelns anregte. Von vielen Erzieherinnen wurde der Wunsch geäußert, mehr über Frühgeborene zu erfahren. 

Daraus erwuchs unsere Idee, für das Fachpersonal an Kitas und Schulen, aber auch andere mit Frühgeborenen befasste Institutionen in Hamburg und Umgebung einen Workshop zu dieser Thematik anzubieten. Das Projekt konnte schließlich im April 2013 gestartet werden.

Um eine Durchführung des Workshops für die Einrichtungen organisatorisch zu erleichtern, entschlossen wir uns, aufsuchend zu arbeiten und ihn direkt „vor Ort“ in der jeweiligen Einrichtung anzubieten.

Der 2-stündige Workshop wird jeweils von 2 Frühstart-Referentinnen durchgeführt, die selber Frühchen-Mütter sind. So sind wir in der Lage, viele Beispiele aus unserem Erfahrungsschatz beizutragen.

 „Mit allen Sinnen“: Förderung von Empathie und Wertschätzung 

Wir möchten die Teilnehmer/innen der genannten Berufsgruppen „mit allen Sinnen“ für den Erfahrungshintergrund von Frühgeborenen und ihren Eltern sensibilisieren. Dieser soll auch für die Teilnehmer mit dem Ziel, Empathie, Mitgefühl und ein besseres Verständnis zu ermöglichen, „erfahrbar“ werden.

Im Rahmen unserer Präsentation regen wir die Teilnehmer dazu an, sich in die jeweilige Situation des Frühchens und der Eltern hineinzuversetzen. Dabei beginnen wir mit der Schwangerschaft und den damit verbundenen Erwartungen, Wünschen und Plänen. Mit Hilfe von Klang- und Geruchsproben von einer neonatologischen Intensivstation, Schmerz- und Geruchsreizen und unseren Frühchen-Puppen sowie weiterem Anschauungsmaterial wie Frühchenschnuller und Windeln können sie dann erleben, wie es sich anfühlt, ein Frühchen bzw. Eltern eines Frühchens zu sein. Dieser Perspektivwechsel vom Betrachter zum Betroffenen wird von den Teilnehmern durchweg als sehr hilfreich erlebt, um ein besseres Verständnis und Empathie für Kinder und Eltern entwickeln zu können. 

Auch die persönlichen Erfahrungen unseres Referentinnen-Teams mit der Frühgeburt der eigenen Kinder und entsprechende Fotos am Anfang und Ende der Präsentation helfen dabei, das Thema möglichst anschaulich zu vermitteln. Die Rückmeldungen zeigen, dass unsere Bereitschaft, über diese Erfahrungen zu sprechen, von den Teilnehmern besonders geschätzt wird und sie emotional sehr berührt. Mit der Schilderung unserer persönlichen Erfahrungen können wir viele Aspekte sehr anschaulich vermitteln.

Dabei ist unser Ziel immer die Entwicklung von Mitgefühl, nicht von Mitleid!

An einer Fotowand zeigen wir Fotos von Frühchen-Familien, die den Entwicklungsverlauf der Kinder dokumentieren. Auch hier können die Teilnehmer sehen, wie sich Frühchen entwickeln und wie jedes Kind entsprechend seiner Möglichkeiten seinen individuellen Lebensweg findet.

Informationen über Frühgeburt.

Weiterhin informieren wir die Teilnehmer/innen über die Besonderheiten in der Entwicklung von Frühchen (medizinisch, sensorisch, psychosozial, motorisch) im Vergleich zu termingerecht geborenen Kindern. Buchempfehlungen, Info-Broschüren und Flyer ergänzen das Informationsangebot und können in einer „Schnupperpause“ eingesehen werden. Das Material wird an die jeweilige Berufsgruppe angepasst.

Darüber hinaus informieren wir die Teilnehmer über die Situation der Frühchen-Familien nach Klinikentlassung: wir vermitteln, was die Geburt eines Frühchens für die Geschwisterkinder bedeutet und welche Anforderungen die Eltern zu Hause zu bewältigen haben.

Reflektion anregen: „Was brauchen Frühchen und ihre Eltern in der Kita/Schule?“

Diese Frage geben wir im letzten Teil der Präsentation in die Gruppe und bitten die Teilnehmer, ihre Ideen dazu in Untergruppen zu diskutieren und aufzuschreiben. Im Abschlussgespräch tragen wir die Ergebnisse zusammen und ergänzen sie durch unsere Präsentationsfolien. Die Teilnehmer haben auch die Gelegenheit, von ihren eigenen Erfahrungen mit Frühgeborenen in ihrer jeweiligen Einrichtung zu berichten und sich mit uns zu beraten.

Workshop in Ausbildungs-Akademien und anderen Institutionen

Besonders freuen wir uns über das Interesse von Ausbildungsinstitutionen wie die UKE-Akademie für Bildung und Karriere, die Akademie der Universitätsklinik Kiel (UKSH) und die Medical School Hamburg (MSH), in denen wir inzwischen regelmäßig mit dem Workshop zu Gast sind. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, den zukünftigen Krankenschwestern, Krankenpflegern und Studierenden des Dualen Studienganges Pflege vor allem die Perspektive der Frühchen-Eltern nahezubringen, denn sie sind später auf den neonatologischen Intensivstationen meist über einen langen Zeitraum zentrale Bezugspersonen für die Eltern. Ein Sich-Hineinversetzen in deren Ängste, ihre Hilflosigkeit, Schuldgefühle und Trauer ist eine wichtige Grundlage für die Entwicklung von Verständnis, Empathie und Wertschätzung. So hoffen wir, einen kleinen Beitrag zu leisten, die Kommunikation zwischen Pflegenden und Eltern zu verbessern. Auch das Sich-Einfühlen in die Situation eines Frühgeborenen, das vielfältigen Störreizen, Schmerzen und täglichen Trennungen von den Eltern ausgesetzt ist, kann einen sorgsameren, entwicklungsfördernden Umgang mit dem Kind fördern.

Die Rückmeldungen der Auszubildenden und Studierenden waren durchweg positiv, sie fanden am Workshop vor allem die Anschaulichkeit und die vielen Beispiele aus unserem persönlichen Erfahrungsschatz sehr hilfreich als Ergänzung zu ihrem medizinischen Wissen. Für sie war auch besonders interessant, wie die weitere Entwicklung von Frühchen nach dem Klinikaufenthalt verlaufen kann, denn in der Regel sehen sie diese Kinder nach dem Klinikaufenthalt nicht wieder.

Die Bereitschaft dieser Norddeutschen Ausbildungsinstitute, eine Auseinandersetzung mit den Erfahrungen der Frühchen-Familien bereits in die Ausbildungsgänge zu integrieren, sehen wir als einen weiteren Schritt hin zu einer familienorientierten, entwicklungsfördernden Frühgeborenen-Medizin.

Rückmeldungen

Die Mitarbeiterinnen der Kitas und Schulen betreuten in ihren Einrichtungen bereits einige Frühgeborene und nutzten den Workshop, um deren Verhalten besser verstehen und sie angemessener fördern zu können. Ein Beispiel, das in fast allen Kita-Workshops zur Sprache kommt: Erzieherinnen beobachten an Frühgeborenen häufig eine besondere Empfindlichkeit im Bereich der Füße (Ablehnung von Schuhen, Probleme, barfuß durch Sand zu laufen etc.), die für sie auf einmal verständlich wird, wenn sie erfahren, wie viele schmerzhafte Reize an den Fersen, z.B. durch Blutentnahmen, ein Frühchen in der Klinikzeit ertragen muss.

Auch für den Umgang mit Eltern nahmen die ErzieherInnen und LehrerInnen etwas aus dem Workshop mit: nachdem sie erfahren hatten, was Eltern während der Klinikzeit und danach alles durchmachen müssen, hatten sich meistens ihr Mitgefühl, der Respekt und die Wertschätzung erhöht. Sie konnten besser verstehen, dass Frühchen-Eltern ihnen ihren größten Schatz anvertrauen, um dessen Überleben sie oft lange bangen mussten, dass es vor dem Hintergrund der erschwerten Bindungsentwicklung Eltern und Kindern oft schwerfällt, sich beim Kita-Eintritt zu trennen und dass Frühchen-Eltern Experten für ihre Kinder sind, deren Sorgen um die Gesundheit und Entwicklung ihrer Kinder ernst zu nehmen sind. So konnten wir den Teilnehmerinnen neue Impulse für ihren Umgang mit Kindern und Eltern geben.

Fazit

Unser Workshop hat sich inzwischen zu einem festen Bestandteil der Vereinsarbeit entwickelt und fördert unser Anliegen, den pädagogischen, therapeutischen und pflegerischen Umgang mit Frühgeborenen und ihren Eltern auf der Basis von Empathie und Wertschätzung zu verbessern.

Wir konnten seit dem Start des Projektes in 2013 bereits über 50 Workshops mit Fachleuten aus vielen unterschiedlichen Institutionen durchführen. Dazu zählen neben ErzieherInnen und LehrerInnen u.a. auch Hebammen, Tagesmütter und MitarbeiterInnen aus den Bereichen Ergotherapie, Frühförderung, Frühen Hilfen, wellcome und Familienbildung.

Wir wünschen uns, dass künftig noch mehr Kitas und Schulen Interesse am Thema finden. Für schulisches Fachpersonal bieten wir dieses Jahr einen Workshop am Institut für Lehrerfortbildung an. 

Es bereitet uns immer noch viel Freude, den Teilnehmerinnen unsere Erfahrungen und unser Wissen weiterzugeben und ihnen Anregungen für ihre Arbeit mitzugeben. Die positiven Rückmeldungen zeigen, dass wir unsere Ziele immer wieder erreichen. Das bestärkt uns darin, dieses Engagement fortzusetzen.

Andrea Rahlf für das "Frühstart"-Team